25. September 2016

Zitat des Tages: "Bei der Polizei wird jeder Übergriff, bei dem nicht erwiesen ist, daß er keine rechtsextreme Motivation hat, in die Statistik hineingezählt."

Eine bemerkenswerte Einlassung des Brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) in einem Interview mit dem Sender Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb). In diesem Interview referiert  Woidke, wie der "Kampf gegen rechts" aus seiner Sicht zu führen sei und meint offensichtlich unter anderem einen Kampf mit den Mitteln der Statistik.

24. September 2016

Warum mir am 3. Oktober nicht recht zum Feiern zumute ist

Am 3. Oktober wird der Beitritt der DDR zum Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes im Jahr 1990 gefeiert. Ohne Zweifel ein erfreuliches Datum, das jedoch letztlich nur den formaljuristischen Schlußpunkt einer Entwicklung markiert, für die als Gedenkanlass andere Tage sehr viel kennzeichnender wären. Man könnte auch sagen: der Staat feiert am 3. Oktober in erster Linie wieder einmal sich selbst.

23. September 2016

Marginalie: Wir schaffen das nicht. "Rückführung"

Manchmal sind es die kleinen, versteckten Meldungen, unauffällig in den hinteren Seiten der Printmedien verborgen, oder auf den Netzportalen der größeren Outlets allein durch eine kurze, kaum auusagekräftige Kurzzeile verlinkten Meldungen, die die gutes Korrektiv zu den allfälligen Spins des tagespolitischen Geschäfts bilden und diese erst in ein aussagekräftiges Verhältnis rücken. Wer vor gut zwanzig Tagen über die Aussage "unser aller Domina und Geiselnehmerin" (Michael Klonovsky) aufgeschreckt worden ist, das Gebot der Stunde heiße jetzt "Rückführung"  -

Das Wichtigste sei nun, abgelehnte Asylbewerber abzuschieben. Man müsse verstärkt auf die Sorgen der Bevölkerung eingehen, sagte sie laut Teilnehmerangaben. Um solchen Flüchtlingen helfen zu können, die wirklich Hilfe bräuchten, und die Akzeptanz dafür in der Bevölkerung zu erhalten, müsse man entschlossen jene in ihre Heimat zurückschicken, die nicht schutzbedürftig seien.
 „Für die nächsten Monate ist das Wichtigste Rückführung, Rückführung und nochmals Rückführung“, wurde Merkel zitiert. Es könnten nur jene bleiben, die wirklich verfolgt sind. (Die Welt vom 3. Sept, 2016)

- der darf sich beruhigt zurücklehnen. Bangemachen gilt nicht; auch für die Große Politik: the show must go on, und eine Gefahr zur Umsetzung einer solchen radikalen Umsteuerung der hierzulande geübten Praxis droht nicht einmal ansatzweise.

21. September 2016

USA: Präsidentschaftswahl 2016. And the winner is...

47:23:18:50


Langggedienteren Lesern dieses Blogs wird es aufgefallen sein, daß die Wahlen zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in diesem Blog bislang keine (und nur in sehr eingeschränktem Maß im angeschlossenen Diskussionsforum) Aufmerksamkeit gefunden haben. Ganz im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Wahlen, die vom Gründer dieses Netztagebuchs in ausführlichen Serien detailliert begleitet worden sind (hier und hier nachzulesen). Das liegt natürlich am Naturell von "Zettels Erben", ihrer Aufmerksamkeitsökonomie, ihrer Präferenzen, und, zumindest im Fall des Endunterfertigten, am doppelten Gefühl, vor den verlinkten Beispielen nur trübseliges Pfuschwerk präsentieren zu können und auf die anderen Seite angesichts des Dauersperrfeuers, mit dem unsere Medien den nun seit 18 Monaten laufenden Wahl- und Vorwahlkampf abdecken, wenig bis nichts Substanzielles zum Thema beitagen zu können.

Nicht, daß es sich nicht lohnen würde, der unisono entschiedenen proaktiven Heiligsprechung der demokratischen Kandidatin Hillary Rodham Clinton nebst der ebenso flächendeckenden Perhorreszierung ihres satanischen Gegenparts Donald John Trump, dem eigentlich nur noch eine tiefrote Hautfärbung nebst zwei Stirnhörnchen zur Komplettierung des Leibhaftigen abgehen, durch die hiesigen Medien sanft zu widersprechen, allein schon aus Gründen einer mephistophelischen Lust am Widerspruch halber ("Ein Kerl, den alle Menschen hassen: Der muß was sein", meinte Arno Schmidt einmal). Aber zum einen neigen auch die Mehrzahl de Media outlets der Anglosphäre, die man salopp, aber nicht ganz unzutreffend ausgedrückt, als "linksdrehend" bezeichnen könnte, zumeist zu einer polarisierten Sicht auf beide Kandidaten, die dem hiesigen Medienstadl kaum nachsteht.  Zudem ist eine solche manichäische Präsentation, streng in weißgutdemokratisch versus schwarzargrepublikanisch geschieden, seit dem legendären Kampf um die Thronfolge Dwight D. Eisenhowers zwischen John F. Kennedy und Richard Mulhouse Nixon im Herbst 1960 mit dem legendären ersten Fernsehduell zu einer unveränderlichen Tradition geronnen wie der alljährliche Sturz Freddy Frintons über den Tigerkopf. The same procedure as every four years.

Und schließlich zählen für den Endunterzeichner (im weiteren Verlauf als "ich" figurierend; das Adorno'sche Verdikt Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie ich sagen ignoriert dieses schreibend unlyrische Ich als alteuropäische Dünkelhaftigkeit) nicht die Fürfallenheiten des Wettbewerbs um die Stimmen der Wähler, sondern das Endresultat. Nicht also: "wen würdest du am liebsten gewinnen sehen?", auch nicht "wer sollte die Wahl gewinnen?" (Zwei Fragen, die durchaus nicht deckungsgleich sind, wenn auch der Endunt..., wenn auch ich  freimütig zugebe, daß ich mich, hätte ich je die Staatsbürgerschaft meines so nur portativen Vaterlands erworben, mich ins Wählerverzeichnis der Partei im Zeichen des Elefanten eingetragen hätte. Bekanntlich ist das, nicht die bloße Gegenheit der Staatsbürgerschaft, die Voraussetzung, sein Kreuzchen setzen zu dürfen.) Sondern: "wer wird die Wahl gewinnen?" Nicht zuletzt verdankt sich das einem über Jahrzehnte konditionierten Pawlowschen Reflex wider bundesdeutsche Wahlkrämpfe von den Straußstops bis zur Guidomobilisierung, dem ein fortwährendes unaufgehobenes Moratorium sämtlicher Gladiatorenwettstreite das liebste wäre.  Die amerikanische Variante dieses Schaukampfs mit monatelangen Vorwahlen in allen Bundesstaaten, der Bestimmung der Wahlmänner, der endlosen Kavalkade der Spendengalas zur Einwerbung von Wahlkampfgeldern, dient freilich einem weiteren, wichtigeren Zweck: Wer diese Ochsentour unbeschadet übersteht, von dem kann der Wähler sicher sein, daß er (bislang nur "er") sämtliche denkbaren Fährnisse der kommenden Inkumbenzperiode lässig zu meistern versteht. Wer also wird die Wahl am 8. November, in genau sieben Wochen, für sich verbuchen?

Die wöchentlich oszillierenden Polls, die Wahlumfragen, haben in den letzten Wochen kaum nennenwerte Schwankungen gezeigt, zumeist mit einem leichten Vorsprung von 1 bis 2 Prozent für Frau Clinton: also einem nicht nennenwerten Bonus - vor den gut 9 Prozent für den Kandidaten der Libertarian Party, Gary Johnson, und gut dreieinhalb für das Aushängeschild der Green Party, Jill Stein. (Sollte es Sie überraschen, daß es in den USA überhaupt eine Partei der Grünen gibt, geschweige denn, daß man dort als Wettbewerber ums höchste Staatsamt antritt: beide Kandidaten vereinigen auf sich ein reines Protestwählerpotenzial: die Stimmen derer, die am politischen Prozeß teilnehmen möchten - Nichtwähler dürfen sich nicht über ihnen mißliebige Ergebnisse beklagen - aber ihr Mißfallen an der eingefahrenen, zementierten zweihundertjährigen bipolaren Tradition zum Ausdruck bringen wollen. Eine Rolle in der politischen Willensbildung spielen sie nie; ein Faktum, daß auch allen ihren Wählern - naiven Idealisten ausgenommen, die es in den USA nicht weniger gibt als auf unserer Seite des Großen Teiches - völlig klar ist. "Third party politics" haben seit den Know-Nothings der 1850er Jahre in der amerikanischen Politik nie eine Chance gehabt; ihre Anliegen finden erst dann wirksamen Ausdruck, wenn sie Einlaß in die Agenda der beiden großen Monolithe gefunden haben; zuletzt hat die Tea Party diese Erfahrung machen müssen.) 

(Apropos Tea Party: bei näherer und unaufgeregter Betrachtung ist es frappant, welche Ähnlichkeiten, welche Parallelen die amerikanische Tea Party mit der bundesdeutschen AfD aufweist: vom staatspolitisch eingefleischtesten Konservatismus bei gleichzeitig breiten, teilweise durchaus liberalismus-kompatiblen Ausrichtung auf anderen Gebieten, etwa der Wirtschaft; der vehementen Rückbesinnung auf die eigenen demokratischen Startpositionen, ob nun die Gründerväter oder die "Väter des Grundgesetzes" benebst den Römischen Verträgen; die Rekrutierung der Wählerschaft aus der gesamten Breite des politischen Spektrums; die systematische Verteufelung bis hin zur Perfidie und blanken Lüge, über Jahre und zumeist ohne jede Faktenabprüfung, durch die meinungsbildenden Hauptstrommedien; nicht zuletzt das weibliche Führungspotential, von diesen diesen Medien als entweder spleenig-bizarr oder als autoritäre Hexe verteufelt; bei denen nüchternen Betrachter es dagegen schwerfällt, ihnen ob ihrer bisherigen Lebensleistung einen tiefen Respekt zu versagen. Neither Michelle Bachmann nor Ms von Storch may be you cup of tea - no pun intended - but Frauke Petry is our Sarah Palin.)

Der Gleichstand der beiden Spitzenkandidaten Clinton und Trump schien bislang das Urteil zu rechtfertigen: "es bleibt weiterhin spannend". Zumal die oft als ausschlaggebend angesehenen drei Fernsehduelle (am Montag, dem 26. September an der Hofstra University in Hempsted im Bundesstaat New York; am Sonntag, dem 9. Oktober am der Universität von St. Louis, und zuletzt am Mittwoch, dem 19. Oktober an der Universität von Nevada in Las Vegas. Vier; wenn man den Schlagabtausch zwischen den Kandidaten fürs Vizepräsidentenamt am 4. Oktober mitzählt.)

Jetzt sind freilich drei Facetten, kleine Aspektchen eigentlich nur, hinzugekommen, die mir jedenfalls doch hinreichend scheinen, an dieser Stelle meinen Hut in den Ring zu werfen - auch wenn meine track record als politische Kassandra höchst deplorabel ist. Nach meinem Dafürhalten ist das Rennen entschieden, gelaufen. finito. And, wie man seit einiger Zeit im Deutschen sagt, the winner is

Der Nichterfinder des Pulvers

Was haben ein syrischer Arzt und ein senegalesischer Ministrant gemeinsam?

In beiden Fällen handelt es sich um Metaphern, Projektionen der politischen Meinung von Personen und Gruppen, die auf dem Rücken potenzieller Biografien einen von Tag zu Tag hässlicher werdenden politischen Streit austragen. Sie stehen sinnbildlich für den Verlauf der Diskussion.

20. September 2016

Marginalie: Wenn das Wickeln nicht so läuft

Ein ganz interessanter Artikel ist, wenn auch eher unter ferner liefen, in der FAZ erschienen und beschäftigt sich mit dem Elterngeld, speziell mit der Frage, warum es so wenig Väter (!) in Anspruch nehmen. Der Artikel selbst ist recht lesenwert, bleibt aber unterm Strich in einem Klischee haften, dass die wesentlichen Gründe warum Männer (!) keine Elternzeit nehmen, darin bestehen, dass zum einen das Geld dafür fehlt und sie zum anderen Männer keine Lust dazu haben. Am Ende bleibt der Leser mit der mehr oder weniger verhehlten Erkenntnis zurück, dass Männer, wenn sie nicht so faul und bequem wären, und sich Familien ein bischen mehr einschränken würden, mindestens ebenso oft Elternzeit nehmen würden, wie die Mütter. Oder sollten, je nach Leserart.

19. September 2016

Zeit zurückdrehen ? Frau Bundeskanzler simuliert Selbstkritik.

"Merkel gesteht Fehler in der Flüchtlingspolitik ein", so titelt die FAZ heute und zitiert gleich einen passenden Satz dazu: „Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen“.
Sapperlot mag dem einen oder anderen durch den Kopf gehen: Hat Sie jetzt, nachdem es ihr nun mehr als ein Jahr um die Ohren gehauen wird, endlich verstanden, welchen Schaden sie angerichtet hat, welch massives Problem sie verursachte? Um es kurz zu sagen: Nein, hat sie nicht. Ganz im Gegenteil. Die Aussagen von Merkel dienen eigentlich nur einem Zweck: Dem Nachlaufen der öffentlichen Diskussion, um so zu tun, als habe sie die Kritik nicht nur verstanden, sondern sei ja eigentlich auch schon immer dieser Meinung gewesen. Inhaltlich ist ihre Reflektion ohne jedwede Eigenerkenntnis, dafür mit viel Selbstgerechtigkeit und vielen Floskeln.

18. September 2016

Mimimi

Mimimi ist ein wunderschönes und ausgesprochen praktisches Wort. Es ist unglaublich hilfreich, wenn es darum geht sachliche Auseinandersetzung erst gar nicht bestreiten zu müssen und den adressierten Personen von vorneherein die Berechtigung zu entziehen sich zu beschweren.
So spart man sich nicht nur die Auseinandersetzung, man kann auch gleichzeitig ein Statement darüber abgeben, dass die Adressierten eigentlich eine Bande von Weicheiern sind, die gefälligst vom Herd wegbleiben sollen, wenn sie das Feuer nicht vertragen. Wunderschön. Einfach. Unsachlich. Und furchtbar praktisch.

14. September 2016

Neues vom Hausbau: Das Märchen vom Passivhaus

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Wenn man sich heute mit dem Thema Neubau von Wohnhäusern beschäftigt (was diesen Autor derzeit umtreibt), dann begegnet einem ab und an ein besonderes Wesen, dass seine Verwandtschaft mit dem gemeinen Einhorn nicht ganz von der Hand weisen kann: Das so genannte Passivhaus.

12. September 2016

Kurioses kurz kommentiert: Ist die Monarchie der Ausweg?

Der Verfasser dieser Zeilen glaubt ja gewöhnlich nicht daran, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als ihn seine Schulweisheit lehrt. Aber mittlerweile möchte er nicht mehr ausschließen, dass der große Kaiser in seinem hundertsten Todesjahr mit homerischem Gelächter auf die Nachkommen seiner Untertanen herabschaut: Die Stichwahl zum österreichischen Bundespräsidenten wird wohl verschoben werden - wegen funktionsuntüchtiger Klebestreifen auf den Wahlkarten. Dies ist in rechtlicher Hinsicht keineswegs unproblematisch.

5. September 2016

Ja, nein, vielleicht - Gedanken zur Änderung des Sexualstrafrechts, Teil 1

Führerscheinneulig Fritz fragt seinen Onkel Otto, der gerade ein nagelneues Sportwagenmodell Zuffenhausener Provenienz in seine Garage eingestellt hat: "Verkaufst du mir die Kiste für 100 Euro?" Daraufhin Onkel Otto, mit dem rechten Zeigefinger an seine Stirn tippend und in erkennbar ironischem Ton: "Aber natürlich, der Herr. Stets zu Diensten."

Andere Szene: Führerscheinneuling Fritz fragt seinen Onkel Otto, der einen in die Jahre gekommenen Kleinwagen aus Rüsselsheim sein Zweitfahrzeug nennt: "Leihst du mir mal bitte kurz deinen Corsa? Ich muss für meine Party heute Abend Getränke holen." Daraufhin Onkel Otto in strengem Ton: "Nein." Den irritierten Gesichtsausdruck seines Neffen erwidert er mit einem Lächeln und wirft ihm den Autoschlüssel zu.

4. September 2016

Drittstärkste politische Kraft im Bund: Anmerkungen zum AfD-Erfolg aus psychologischer Perspektive

Laut Meinungsumfragen bildet die AfD bundesweit aktuell die drittstärkste politische Kraft. Möglicherweise wird sie nach den heutigen Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern noch vor der CDU liegen. Auch wenn viele Entwicklungen der vergangenen Monate darauf hingedeutet haben, so ist dies dennoch ein bemerkenswerter Vorgang für eine Partei, die zunehmend völkisch und querfrontig grundiert erscheint und deren Flügelkämpfe eigentlich, den gängigen Regeln von Politik und Demoskopie folgend, zu deren Schwächung führen müßten. Aktuell kann die AfD augenscheinlich machen was sie will, sie wird, so scheint es, vom Wähler aus Prinzip goutiert.

30. August 2016

Sex, Lügen und Video. Ein kleiner Gedankensplitter zum Fall Gina-Lisa.

Eine bittere Pille für "Team Gina-Lisa", das Amtsgericht Berlin-Tiergarten verurteilte die C-Prominente Gina-Lisa Lohfink zu einer Strafe von 80 Tagessätzen wegen falscher Verdächtigung. Damit geht ein eigentlich vom Ergebnis her ziemlich irrelevanter Prozess (80 Tagessätze entsprechen nicht einmal einer Vorstrafe) in der ersten Runde vorerst zuende. Das Gericht lies am Ende wenig Zweifel an seiner Überzeugung daran, das nicht nur keine Vergewaltigung stattgefunden hat, sondern auch das Frau Lohfink bewusst gelogen hat, um eine falsche Verurteilung ihrer früheren Liebhaber zu erreichen.

Und beim nächsten mal sinds Steine. Ein Kommentar zu einer weiteren Torte.

Eigentlich war es zu erwarten. Da Torten ja in der politischen Auseinandersetzung der Bundesrepublik inzwischen eine anerkannte Methode des Kommentars geworden sind, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis sich wieder jemand für unglaublich kreativ hält mit einer solchen seinen Respekt vor der Demokratie zu unterstreichen. Genaugenommen ist es nach Torte Nummer eins auf Beatrix von Stroch (die Torte auf Bill Gates lassen wir mal weg, da er mit deutscher Politik ja nun nix zu tun hat), Torte Nummer zwei auf Sarah Wagenknecht und dem gescheiterten Tortenwurf auf Thilo Sarrazin (Nummer drei) nach bisheriger Zählung Nummer vier. Und wie es leider ebenso zu erwarten war, bei jedem "Gag" ist irgendwann so die Luft raus, so dass der Tortenwerfer meint etwas oben drauf packen zu müssen. Diese Packung oben drauf war diesmal die kleine Eigenschaft, dass die Torte gefroren war. Und selbst wenn man bei einem Hang zum Slapstick und derbem Humor das Werfen von Torten auf Politiker für witzig empfindet: Hier ist Schluss mit lustig.

29. August 2016

Marginalie: Der Ruck

Wenn Sie sich, liebe Leser, angesichts der Nennung des Urhebers und der Fundstelle des nachstehenden Zitats verwundert die Augen reiben, kann Ihnen das der Verfasser dieses Beitrages nicht verdenken.
Der Ausweis allein ist noch kein Ausweis für Integration. Aber das Festhalten an einer migrantischen Sonderidentität ist ihr Gegenteil. [...] die Einwanderungsgesellschaft wird auf Dauer nur erfolgreich sein, wenn sie sich die Assimilation als Ziel setzt.
(Jakob Augstein, "Debatte über Doppelpass: Wer sind wir ...", Kolumne Im Zweifel links vom 25.08.2016, SPIEGEL-Online)

26. August 2016

Marginalie: Der gekränkte Journalist und das Beliebtheitsranking

Wie mag man es bezeichnen, wenn ein Journalist bei der Beantwortung einer vergleichsweise einfachen Frage völlig scheitert, im (unbeabsichtigten) Subtext ebenjene Frage jedoch auf das präziseste beantwortet? Ein Wunder? 
Aber der Reihe nach.
Unter dem Titel "Die AfD-Hetze zeigt erste zersetzende Wirkung" beklagt sich WELT-Autor Uwe Schmitt zunächst darüber, daß Journalisten in berufsbezogenen Beliebtheitsrankings (genau genommen wird bei diesem Ranking nach Vertrauenswürdigkeit gefragt) stets die letzten Plätze (zusammen mit Politikern) belegten.

25. August 2016

Digitale Erbschaft

Eine traurige Geschichte, eine grausame Krankheit, ein totes Kind.
Trauernde Eltern, die noch möglichst viele Erinnerungen aufbewahren wollen.
Und ein mitfühlender Reporter, der leider mit dem Neuland nicht zurecht kommt.

Es geht um die Frage, wie man an die verschlüsselten Daten auf einem iPhone kommt, wenn man die Zugangsdaten nicht kennt. Das beschriebene Beispiel mit den Eltern, die das Zugangspaßwort zum iPhone des verstorbenen Kindes nicht kennen, ist ja nur ein Sonderfall - es gibt viel mehr Konstellationen zu diesem Problem.

Der Journalist merkt noch, daß es schon sehr schwierig ist festzustellen, wer überhaupt berechtigt sein könnte an die gesperrten Daten heranzukommen. Ein eifersüchtiger Ehepartner, ein Geheimdienst, ein Handy-Dieb sind ja genau die Leute, gegen die eine Verschlüsselung überhaupt benutzt wird.
Und im konkreten Fall: Aus Sicht des trauernden Vaters mag es logisch erscheinen, daß er an die Daten des verstorbenen Sohns kommt. Es ist aber völlig offen, ob der Sohn das umgekehrt genauso gesehen hat. Pubertierende Kinder möchten nicht unbedingt, daß ihre Eltern Zugriff auf ihre Emails, Tagebucheinträge oder Photos haben.
Es gehört auch nicht zu den mitbezahlten Dienstleistungen eines Handy-Verkäufers, Entschlüsselungswünsche zu bedienen und die dafür nötigen aufwendigen Berechtigungsprüfungen vorzunehmen. Schließlich ist es alleine Kundenentscheidung, die Verschlüsselung überhaupt zu verwenden - man kann das Handy problemlos auch ohne Zugangscode verwenden.

24. August 2016

Die Vertwitterung der Gesellschaft

"Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!"   --- Renate Künast, Twitter, 19.06.16

Dieses, mitunter recht dumme, Zitat wurde nur wenige Stunden nach dem Anschlag von Würzburg auf Twitter gepostet und drückt recht unverblümt die Probleme aus, die Frau Künast generell mit der Polizei hat. Generell? Nun, in diesem Fall vermutlich schon, zumindest wenn man Frau Künasts andere Empfehlungen an die Polizei (beispielsweise Schuhe ausziehen bei Hausdurchsuchungen) so liest. Allerdings, bei aller Beißlust, muss man auch zugestehen, dass das prinzipiell eine Meinung ist, die man haben darf. Man darf Probleme mit der Polizei haben. Man "muss" es halt nur differenzierter ausdrücken. Mithin steckt das problematische an dem Twitter-Posting in seiner Undifferenziertheit, in seiner Knappheit und der mangelden Möglichkeit sich in 140 Zeichen so auszurücken, dass nicht irgendjemand etwas anderes daraus herausliest. Zur Verteidigung von Frau Künst (schreibe ich das wirklich gerade?) muss man zudem zwei Dinge anführen: Zum einen, gegen 0:22, als Frau Künast das ganze schrieb, sind die meisten Leute schon recht müde und vielleicht auch nicht mehr ganz so nüchtern, zum anderen kommt es auch vor, dass Leute auch ab und zu mal recht dumme Sachen von sich geben. Und genau um letzteres soll es an dieser Stelle gehen.

之後郝景芳 《北京折疊》 再獲雨果獎



Literaturpreise haben ja etwas gemäßigt Mißliches an sich (das gilt freilich nicht für die Empfänger noch für die Institutionen, die sie verleihen). Oder vielleicht sollte es besser heißen: etwas Janusköpfiges. Sie sind entweder allgemein bekannt oder von ebensolcher Unbekanntheit. Zur ersten Kategorie zählen Auszeichnungen wie etwa der Nobelpreis, der Literaturpreis des Nordischen Rates, der Goethepreis der Stadt Frankfurt oder der Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie alle gelten als Ritterschlag für die damit Bekränzten und entheben das Publikum stracks von jeder näheren Kenntnisnahme des damit verbundenen Werkes. Auf der anderen Seite finden sich die mannigfachen Pokale für Genre- und Spartenliteratur, die Jahr für Jahr für Publikationen auf einem thematisch eng umzirkten Bereich vergeben werden. Damit verbindet sich, vor allem die für Leser auf diesen Gebieten, aber auch für orientierungslose Außenstehende, in aller Regel eine Leseempfehlung, ein Qualitätssiegel. (Zwischen den beiden Polen stehen im deutschsprachigen Literaturbetrieb die zahllosen Stadtschreiber- und Förderpreise, die zumeist die Namen verschollener Literaten tragen und die an schon zu Lebzeiten gleichermaßen verschollene Literaten vergeben werden. Der Daseinszweck dieser Wanderpokale ist es bekanntlich, armen Dichtern, die nicht mehr als zwanzig Büchern pro Jahr unter das pp. Publikum bringen, alle fünf Jahre einmal eine milde Gabe ohne den Anschein des Almosens zukommen zu lassen. Es handelt sich hier mithin um nichts, das die République les Lettres in irgendeiner Weise tangiert).

23. August 2016

Die Kollateralschäden des guten Gewissens

Der Juchtenkäfer hat es zu einiger Berühmtheit gebracht: Als Symbol dafür, wie hierzulande vieles, was da kreucht und fleucht, eine im menschlichen Interesse gelegene Infrastrukturmaßnahme behindern kann, ist er zu einem der meisterwähnten Tiere im bundesrepublikanischen Blätterwald geworden. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts wird Karl, der Käfer, eben doch gefragt.

Für den Paternalismus der um ihn besorgten Zweibeiner kann der Eremit natürlich nichts. Er ist auch daran schuldlos, dass er nicht nur finstere kapitalistische Untergrundbahnhöfe in ihrer Verwirklichung bedroht, sondern auch Gefahr läuft, zum Wappentier der Alternative für Deutschland vorgeschlagen zu werden.

Als ob das nicht schon genug Störfeuer aus dem Reich der Animalia wäre, müssen wir nun auch noch lesen, dass die Rotmilane und Mäusebussarde zu ungeschickt sind, die Leuchttürme bundesrepublikanischer Hochmoral zu umschiffen. Aber was sind schon ein paar Vögel gegen unser unheimlich gutes Gewissen?

Noricus

© Noricus. Für Kommentare bitte hier klicken.

20. August 2016

Marginalie: Der Beifang der Inklusion

In der sehr interessanten, auf ZEIT-Online publizierten Reihe Jung und links ist ein Text von Nele Pollatschek erschienen, den diese zuerst auf ihrem Blog Oxford Dphile, dort in englischer Sprache, gepostet hat. Die deutsche Fassung ist keine wortwörtliche Übersetzung des Originals, was allein schon daran ersichtlich ist, dass der Titel auf ZEIT-Online im TAZ-Duktus gehalten ist, während die englische Überschrift die jedenfalls im Deutschen semantisch unmögliche Kombination von curriculum (Lehrplan, Unterrichtsprogramm) mit den Adjektiven white, male and straight (weiß, männlich und hetero) herstellt.

15. August 2016

Marginalie: Bloss keinen Spass im Sport haben

­Zugegeben: Dieser Autor ist kein besonderer Fan von Olympia. Das hat etwas damit zu tun, dass es, vermutlich mal ab von der FIFA, kaum einen Verein gibt, der derartig korrupt ist wie das IOC, aber auch etwas mit dem generellen Desinteresse an professionellem Sport.
Professioneller Sport hat den etwas unangenehmen Nachgeschmack, dass es irgendwann nur noch um Geld und Leistung geht, aber das eigentliche, was einen Sport erst einmal ausmachen sollte, immer mehr in der Hintergrund tritt oder fast unwichtig wird: Spaß. Sport sollte Spaß machen, Spaß am eigenen Körper, Spaß an der Bewegung, Spaß am Spielen, Spaß an Leistung, Spaß an Grenzerfahrungen. Gerade Olympia sollte ja eigentlich eine "Party" sein, bei der die Jugend der Welt mal schnuppern kann, was die anderen so können.
In diesem Kontext fiel mir dann eine Meldung aus der FAZ auf (ist wohl eine Agenturmeldung, findet sich in diversen Zeitungen), in der berichtet wird, dass der Sportdirektor der DLV, Thomas Kurschilgen, zwei seiner Läuferinnen massiv dafür kritisiert hat, weil sie Hand in Hand ins Ziel gelaufen sind.

14. August 2016

Welterschöpfungstag und neue Romantik

Es wird Angst gemacht: Schon am 8. August wurde dieses Jahr laut Global Footprint Network der Einschnitt erreicht, wo die Erde im Jahresrest nicht mehr regenerieren kann, was sie vom Januar bis August an Energie, Holz oder Nahrung verbrauchte.

Lässt jemand sein Auto deshalb stehen, außer im Stau? Aber es gibt eine andere große Reaktion, die „Romantik 2.0", die Natursehnsucht. Was bedeutet dieser Trend?

13. August 2016

Die Schwäche des Liberalismus oder warum Burkini und Bikini auf Dauer nicht nebeneinander existieren werden

Auf seinem Facebook-Profil postete WELT-Autor Alan Posener kürzlich ein Bild von einer Frau in einem Ganzkörper-Schwimmanzug, das um 1900 aufgenommen sein mag, zusammen mit dem Kommentar „Am besten nachträglich verbieten, was Oma da getragen hat“. Er bezieht sich offensichtlich auf das im französischen Cannes kürzlich erlassene Verbot so genannter Burkinis. Posener macht sich hier mit einem Beispiel für gesellschaftlichen Liberalismus stark, das aus mehreren Blickwinkeln schief ist. Schon der Domainname (victoriana.com), von der das Bild stammt, beleuchtet das Problem schlaglichtartig. Zur damaligen Zeit war man aus religiös-moralischen Gründen gezwungen, solche Schwimmanzüge zu tragen; wäre damals eine Frau bekleidet mit einem heutigen Bikini in einer öffentlichen Badeanstalt aufgetaucht, wäre sie zweifellos von der Sittenpolizei verhaftet worden. Ganz abgesehen davon, daß sie ein „öffentliches Ärgernis“ dargestellt hätte und mit deutlich aggressiver Ausgrenzung, möglicherweise sogar mit physischen Attacken durch die solcherart „überforderte“ Bevölkerung hätte rechnen müssen. Genau hier aber besteht die (sicherlich unfreiwillige) Parallele Poseners zur heutigen Situation.

12. August 2016

Kurioses kurz kommentiert: Bikini gegen Burka

Das deutsche Beachvolleyballerinnen-Doppel Laura Ludwig und Kira Walkenhorst hat sein Auftaktmatch gegen die ägyptische Konkurrenz gewonnen. Ein Favoritensieg - so weit, so unspektakulär. Aber sehen Sie sich das dem verlinkten FAZ-Artikel beigefügte Foto an. Es zeigt die Begegnung zweier Welten.