10. Juni 2007

Marginalie: Das Märchen von der "Politikmüdigkeit" - ein aktuelles Beispiel

Wenn bei einer Wahl die Beteiligung gering ausfällt, dann führt das mit automatenhafter Regelmäßigkeit zu besorgt- mißbilligenden Kommentaren, die "Politik- Müdigkeit" beklagen oder vor ihr warnen.

Ich habe das immer für Unsinn gehalten. Die Leute gehen nicht zur Wahl, weil sie "politik- wach" sind, und sie bleiben nicht zu Hause, weil sie "politik- müde" wären.

Dieses ganze Gerede von einer angeblichen "Legitimationskrise" unseres Systems, vom Verlust des "Vertrauens in die Politik" und dergleichen hat kaum eine empirische Basis. Auch wenn manche Umfragen das nahelegen; aber die Antworten auf derartige Fragen über das "Vertrauen in die Politik" sind oft wohl eher Ausdruck dessen, was die Medien über dieses Vertrauen schreiben, als ein Gradmesser der wirklichen Einstellung der Bürger.



Daß die Wahlbeteiligung so gut wie nichts mit der Einstellung "zur Politik" zu tun hat, wird gegenwärtig in Frankreich drastisch demonstriert.

Vor wenigen Wochen lag die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschafts- Wahlen auf einer Rekord- Höhe - 86 Prozent. Heute wird die National- Versammlung gewählt, und nach den gegenwärtigen Daten ist wieder ein Rekord zu erwarten - aber ein Negativ- Rekord; 60 Prozent oder knapp darüber.



Sind also die Franzosen nach der Wahl von Sarkozy kollektiv von einem Verlust ihres Vertrauens in das politische System erfaßt worden?

Natürlich nicht. Die Umfragen zeigten im Gegenteil, daß Sarkozy sein Amt mit einem großen Vertrauens- Vorschuß der Franzosen aufnimmt.

Warum also dieser dramatische Einbruch in der Wahlbeteiligung?

Der Hauptgrund liegt auf der Hand: Wenn die Wähler die Überzeugung haben, daß es auf jede Stimme ankommt, dann machen sie sich auf ins Wahllokal. Das war bei den Präsidentschaftswahlen der Fall; das war übrigens auch bei den letzten deutschen Bundestagswahlen 2005 der Fall.

Wenn aber der Eindruck besteht, eine Wahl sei bereits gelaufen, wie jetzt bei der National- Versammlung, dann machen sich viele nicht die Mühe, wählen zu gehen.

Zumal an einem schönen Tag wie heute.