15. September 2007

Randbemerkung: Meisners List, Meisners Skandal

Zu den knappsten Ressourcen gehört heutzutage die öffentliche Aufmerksamkeit.

Zahllose Parteien, Verbände, Gruppen aller Art und ihre einzelnen Vertreter, dazu Stars und Promis jeder Couleur überhäufen die Medien täglich mit Pressemitteilungen, mit Interviews, mit Statements. Alle hätten sie das gern berichtet, am besten ganz vorn in der Nachrichtensendung, auf der Titelseite. Nur, wie schafft man das?

Man kann es so machen wie Bosbach, Wiefelspütz, Claudia Roth: Den Medien sozusagen Tag und Nacht zur Verfügung stehen, zu jedem Thema etwas zu plappern haben. Am besten schon kommentieren, bevor man überhaupt weiß, wie der Sachverhalt ist.

Ich stelle mir vor, wie in einer Nachrichtenredaktion die Zeit mal wieder drängt und wie der Chef sagt: Wir brauchen zum Thema XY noch ein Interview. Also, zackzack, Bosbach, Wiefelspütz, Roth anrufen, in dieser Reihenfolge. Und wenn keiner von denen will, dann nehmt in Gottes Namen die Käßmann. Die will immer.



Also, das ist die eine Möglichkeit, in die Medien zu kommen - allzeit bereit zu sein. Das ist sozusagen die Aldi- Methode: Die Masse macht's. Wer das nicht will oder gar nicht kann, weil er zu arbeiten hat, dem bietet sich eine Alternative an, die allerdings erhebliches Geschick erfordert: Die begrenzte PC-Verletzung. Die Methode des exklusiven Anbieters.

Einfach ist das freilich nicht. Wenn man die die PC-Verletzung zu hoch dosiert, dann kann man schnell in Verschieß geraten. Man hat dann zwar kurzfristig die Publicity, aber nur um den Preis, anschließend aus der Manege des Medienzirkus vertrieben zu werden. Eva Herman hat das gerade erlebt.

Zu gering dosiert, ist die PC-Verletzung andererseits unwirksam wie ein homöopathisches Präparat, zu D24 verschüttelt.



In dieser Methode der richtig dosierten PC-Verletzung nun ist der Kardinal Meisner ein Meister. Jetzt hat er das wieder bewiesen, als er (ich zitiere aus dem Bericht der FAZ) sagte:
Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.
Eine interessante, eine provokative These. Gewiß nicht neu ("Verlust der Mitte" von Hans Sedlmayr erschien 1948). Aber Meisner hat sie, siehe unten, schon sehr auf die Spitze getrieben. Nur muß die Provokation ja erst einmal ihren Weg in die Medien finden.

Das hat Meisner mit einem einzigen Wort erreicht: "entartet".

Er hat nicht von "entarteter Kunst" gesprochen, noch nicht einmal von "entarteter Kultur". Er hat lediglich das Verbum "entarten" verwendet. Englisch "to degenerate", französisch "dégénérer". Ein gebräuchliches Verbum in allen drei, in vielen anderen Sprachen.

Joachim Kardinal Meisner hätte auch sagen können: "... die Kultur degeneriert". Dann hätte es seine Äußerung allenfalls auf die Lokalseite der "Kölnischen Rundschau" geschafft.

Aber "entarten" und "Kultur". Da macht es "klick" in den PC-trainierten Gehirnen. Da regt sich der pflichtgemäße Sturm der Empörung. "Erschreckend" fand ein Staatssekretär aus NRW das. Ein "gefährliches Feuer" schüre der Kardinal, befand der Grüne Michael Vesper.

Von Roth, Wiefelspütz, Bosbach kam noch nichts. Daß es Meisner geht wie Eva Herman, braucht er nicht zu befürchten. Er hat die PC-Verletzung richtig dosiert.



Seine Publicity hat er also, der listige Kardinal. Er hat sie für eine Äußerung, die nun wahrlich nicht nur provokativ ist, sondern die man mit Fug als skandalös bezeichnen kann.

Nicht wegen des Verbs "entarten". Sondern weil Meisner nicht weniger behauptet hat, als daß die Kultur dort "entartet", wo sie "vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird".

Wo sie also keinen sakralen Bezug mehr hat. Aristoteles und Kant, Galilei und Newton, Shakespeare und Lessing, Schinkel und Picasso - für Meisner sind deren Werke somit allesamt Ausdruck einer entartenden Kultur.

Diese Behauptung, die den Geist eines religiösen Fundamentalismus atmet, hätte eigentlich einen Skandal auslösen sollen. Und nicht das harmlose Wörtlein "entarten".

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