16. Juli 2011

Kurioses, kurz kommentiert: Keine Einwände von Linken gegen die Ehrung Putins. Ja, warum denn auch? Nebst einem Nachtrag

Erstaunlicherweise kamen von vermeintlich linken Vertretern wie Georgia Tornow, einst Mitglied der "taz"-Chefredaktion, keine Einwände.
Michael Sontheimer heute in "Spiegel-Online" in einem Bericht über die Verleihung des "Quadriga"-Preises an Wladimir Putin. Georgia Tornow ist Mitglied des Kuratoriums, das sich für diesen Preisträger entschied.

Kommentar: Erstaunlich, ja kurios finde ich es, daß Michael Sontheimer - Mitbegründer und zeitweilig selbst Chefredakteur der "taz" - das erstaunlich findet.

Ob Georgia Tornow nun links ist oder vermeintlich links, kann ich nicht beurteilen. Aber da nun einmal in Teilen der deutschen Linken die Zuneigung zu Rußland ungebrochen ist, auch zum Rußland Putins, ist es doch nicht erstaunlich, wenn auch Georgia Tornow diese Zuneigung teilt.

Über die Verleihung dieses "Quadriga"-Preises und ihren Hintergrund habe ich am vergangenen Dienstag berichtet ("Quadriga"-Preis an Wladimir Putin. Hintergrund einer Posse, nein eines Skandals; ZR vom 12. 7. 2011). Damals war noch unklar, ob der Skandal als solcher erkannt werden würde, oder ob die Sache im Sand verliefe. Der Skandal nämlich, daß ausgerechnet Wladimir Putin mit einem Preis ausgezeichnet werden soll, der laut Darstellung des Kuratoriums an "Vorbilder" verliehen wird - "Vorbilder für Deutschland und Vorbilder aus Deutschland". An Putin also als einem Vorbild für Deutschland.

Als ich am Dienstag diesen Artikel schrieb, war die Kritik in der Öffentlichkeit noch verhalten. Inzwischen ist sie lauter geworden; man kann das in Sontheimers Artikel nachlesen. "Menschenrechtsexperten der Grünen, FDP und Union" hätten die Preisverleihung kritisiert, schreibt er. Daß sich ein prominenter Linker kritisch zu Wort gemeldet hätte, schreibt Sontheimer nicht.

Wie erklärt sich diese Zuneigung von Linken zu Rußland, obwohl doch jetzt dort gar nicht mehr die Kommunisten regieren, sondern ein lupenreiner Demokrat? Die Erklärung mag trivial sein:

Zum einen Gewohnheit. Alte Liebe rostet nicht. Zweitens sind ja viele der Sowjet-Strukturen in Rußland erhalten geblieben; teils werden sie gegenwärtig sogar restauriert.

Drittens hatte die Neigung zu Rußland bei Linken immer auch den Aspekt, daß man es als ein Gegengewicht zu den gehaßten USA sah. Das ist immer noch so; und durchaus mit Grund. In Osteuropa ist Rußland sogar dabei, den amerikanischen Einfluß zu untergraben und sich wieder als Vormacht zu etablieren.

Und viertens schließlich stehen auch die russischen Kommunisten inzwischen nicht mehr in Oppostion zu Putin, dem Führer der "Allrussischen Volksfront". Einzelheiten dazu können Sie in dem Stratfor-Artikel über die Lage in Rußland lesen, den ich kürzlich dokumentiert und mit einer deutschen Zusammenfassung versehen habe: "Nach einem Jahrzehnt der Aggression konsolidiert sich Rußland jetzt unter einer Volksfront" ; ZR vom 9. 7. 2011.




Nachtrag um 14.10 Uhr: Soeben wird gemeldet:
Nach Kritik an der Auszeichnung des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin hat das Kuratorium des Quadriga-Preises die Preisverleihungen in diesem Jahr komplett ausgesetzt. Damit werden auch die anderen Nominierten dieses Jahres nicht ausgezeichnet, wie das Preiskuratorium am Samstag nach einer Sitzung in Berlin bekannt gab.

Die Quadriga sei "betroffen von der massiven Kritik in den Medien und Teilen der Politik an einer Entscheidung, die die bisherige Praxis der Kooperation und Verständigung aufnimmt und weiterentwickelt", hieß es in der Erklärung mit Blick auf die Debatte um Putin.
Mit anderen Worten, man beugt sich dem Druck. Einsicht ist aus dieser Formulierung nicht zu entnehmen.
Zettel



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