17. August 2012

Zitat des Tages: "Wieso wird das barbarische Ritual der Beichte nicht verboten?" Martenstein, diesmal besonders doppelbödig. Was ist Aufklärung?

Was ist eigentlich mit der Beichte? Wieso wird dieses barbarische Ritual nicht endlich verboten? (...)

Diese Leute, die Pfarrer, haben keinerlei psychologische Ausbildung und dürfen einfach so in den kleinen Seelen herumfuhrwerken. Die Kinder sollen Sachen sagen, die sie nicht mal ihren Eltern erzählen. Sie kriegen Ratschläge, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Kinder brauchen doch aber eine Intimsphäre, das weiß man heute. Alles andere ist übergriffig.
Harald Marteinstein in seiner Kolumne im aktuellen "Zeit-Magazin" (34/2012 vom 16. 8. 2012).

Kommentar: Fährt Harald Martenstein jetzt einen Frontalangriff auf die Katholische Kirche? Gehört er zu denen - er schildert in dem Artikel eigene Erfahrungen mit der Beichte -, die ein Leben lang ihre katholische Kindheit aufarbeiten müssen; ist er ein zweiter Karlheinz Deschner?

Man könnte auf diesen Gedanken kommen. Man muß fast auf diesen Gedanken kommen, wenn man Martensteins Bemerkung zum Beichtgeheimnis liest:
Und wenn ein Erwachsener kommt und ein Verbrechen beichtet, geht der Pfarrer nicht etwa zur Polizei. (...) Der Pfarrer erteilt die Absolution, der Verbrecher fühlt sich danach erleichtert und ist wieder fit für sein nächstes Verbrechen.
Das klingt heftig und ist zudem offenkundig unlogisch; denn gäbe es das Beichtgeheimnis nicht, dann würde ein Verbrecher ja schwerlich gegenüber einem Pfarrer ein Geständnis ablegen. Ebenso könnte er direkt zur Polizei gehen.

Man kann da eigentlich nur den Kopf schütteln. Nein: Man könnte ihn nur schütteln, hätte Harald Martenstein nicht seinen eigenen, seinen vertrackten, doppelbödigen Stil.

Er hat diesen Stil für seine Kolumne im "Zeit-Magazin" entwickelt. Im "Tagesspiegel", dessen Redakteur er ist, schreibt er anders. Auch engagiert; dort aber schnörkellos. Lesen Sie einmal seine kürzlichen Kolumnen zum "Fall" Drygalla und zu den Gemeinsamkeiten zwischen den Terror­organisationen NSU und RAF.

In seiner Kolumne im "Zeit-Magazin" ist er ein Anderer. Ein wenig ein Simplicius Simplicissimus, der die Welt mit staunenden Augen betrachtet und sich einen Reim auf sie zu machen versucht; was angesichts von deren Absurdität nicht gelingen kann. Ein wenig ein Moralist; und zwar im doppelten Wortsinn: Einer, dem es mit der Ethik ernst ist, aber auch einer, der - wie die französischen "Moralisten" des 18. Jahrhunderts - die moeurs, die Sitten seiner Mitmenschen aufs Korn nimmt.

In diesen Kolumnen ist Martenstein ein Autor, der die Dinge auf die Spitze treibt, sie bis zur Kenntlichkeit verzerrend. Wie ein Hofnarr im Schutz seiner Narrenkappe redet er einen Klartext, den ein seriöser Publizist zu meiden hätte. Wie der Narr redet er aber auch doppelbödig; schreibt er Dinge, bei denen der Leser sich fragt: Meint er das jetzt so, oder will er jemandem - vielleicht uns, den Lesern - den Spiegel vorhalten?

Vielleicht ja auch beides. Wenn man Harald Martensteins Kritik an der Beichte verstehen will, dann sollte man sie im Kontext dessen lesen, was er kürzlich im "Tagesspiegel" zur Beschneidungsdebatte geschrieben hat; ein engagiertes Plädoyer für die Freiheit der Religionsausübung:
Im Kern geht es in der Beschneidungsdebatte darum, ob die Gesellschaft die Religion noch aushält, oder ob die Religionen, alle, über kurz oder lang in der einen oder anderen Weise unterdrückt werden. Die Religionsgemeinschaften haben das sofort erkannt, deshalb ist es zu der bemerkenswerten Allianz von Christen, Muslimen und Juden gekommen, die sich gemeinsam gegen ein Verbot der Beschneidung aussprechen, obwohl die Christen das ja eigentlich gar nicht betrifft.
An anderer Stelle des Artikels zieht Martenstein die Parallele zwischen Beichte und Beschneidung:
Das ist Religion. Ein einziger Ausbund an Unvernunft oder sogar Menschenfeindlichkeit – das jüdische Verbot, Schweinefleisch zu essen, auch wenn einer am Verhungern ist. Die, nach modernem Verständnis, übergriffige katholische Beichte, in der Kinder einem Priester über ihre geheimen sexuellen Lüste berichten sollen, ihre "unkeuschen Gedanken". Das ungesunde Fasten im Ramadan. Oder die Vorschrift der Hindus, alte Kühe eines natürlichen Todes sterben zu lassen, auch kranke und leidende Kühe.
Wer sich über den Ritus der Beschneidung bei Juden und Moslems empört, der sollte sich fragen, ob er sich nicht konsequenterweise ebenso über die Ohrenbeichte im Katholizismus empören müßte. Darauf zielt Martensteins in der Kolumne, der ich das Zitat entnommen habe.

Und wie lautet seine Antwort? Es ist dieselbe, die Sie in ZR lesen konnten, als die Debatte über die Beschneidung gerade begonnen hatte. Damals, am 27. Juni, habe ich geschrieben:
Aus meiner Sicht ist es seltsam arachaisch, an einem Kind zum Zeichen seiner Religionszugehörigkeit eine körperliche Veränderung vorzunehmen. Als jemand, der im Zweifelsfall der Position der Aufklärung zuneigt, bin ich gegen alle archaischen Praktiken. Ich finde es wünschenswert, daß auch moderne Juden und Moslems das einsehen und auf die Beschneidung von Kindern verzichten. Andererseits: Wer bin ich, daß ich diese meine Haltung anderen, nämlich den Betroffenen, aufdrängen darf?
Ähnlich jetzt Harald Martenstein zur Beichte:
Ich bin nicht wirklich für ein Verbot der Beichte, mehr noch, ich bin dagegen. Ich möchte lediglich einen Denkanstoß im aktuellen Religionsdiskurs geben. Ich finde, dass auch die Religionskritik, wenn man es damit übertreibt, einen Schlag ins Totalitäre kriegt. Ich bin gegen Freiheitszwang. Sich selbst zu befreien ist einfach schöner.
Unter dem, was sich des Etiketts "Aufklärung" bedient, gibt es zwei unterschiedliche, ja diametral entgegengesetzte Haltungen: Die Ideologie derer, die aus ihrer Aufgeklärtheit das Recht ableiten, andere zur Aufgeklärtheit zu zwingen; und diejenigen, die Aufklärung als ein Angebot sehen, das jeder annehmen, aber auch verwerfen kann.

Welche Absurdität, jemanden zur Freiheit zwingen zu wollen. ­
Zettel



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